Evangelische Kirchengemeinde Eltville Erbach Kiedrich
TRIANGELIS

Predigt zum Küsterdienst

 

Apostelgeschichte 6, 1-7

 

„Die Wahl der sieben Armenpfleger“

 

Predigt anlässlich der Verabschiedung von Küster Karl Hardt und Einführung von Küsterin Pia Fischer am 13. Sonntag nach Trinitatis in Kiedrich

 

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

aus dem Munde der Familie Hardt stammt der Satz: „Die Kirche war für uns unser  Wohnzimmer – und unser Wohnzimmer manchmal die Kirche.“

 

Das passt zum heutigen Sonntag: Wort und Tat gehören zusammen. Glauben und danach tun. Sonntag und Alltag. Gottesdienst und Menschendienst.

 

Küster, das Wort kommt aus dem lateinischen und heißt: custor, der Wächter. Der oder die darüber wacht, dass der Gottesdienst gefeiert werden kann. Dass die Türen offen sind, wenn die Glocken rufen. In manchen Kirchen heißen die Küster Messner, das kommt von mansio, der Wohnung. Messer verstehen etwas davon, dass es in unseren Gotteshäusern wohnlich zugeht, einladend, freundlich. Dass der Tisch schön gedeckt ist und Blumen da stehen. Dass man sich zurecht findet in den Abläufen der Feierstunde, dass alles gut angerichtet ist: die Lieder an der Tafel, die Kerzen am Altar, die Heizung an, wenn es draußen kalt ist, und die Fenster offen, wenn es heiß ist.

 

So, wie sich das gehört, wenn Gäste da sind. Und wenn gefeiert wird.  Zusammen. Mit Gott und anderen Menschen.

 

Damit das, was sonntags gilt, auch in der Woche nachwirkt. Im Alltag. In den Wohnzimmern, am Küchentisch, am Arbeitsplatz, in der Schule, mitten im Leben. Wo jeder und jede seine Aufgabe hat. Und – wie wir Christen sagen – von Gott, um das auch da zu zeigen.

 

Ganz am Anfang, zu Zeiten der ersten  christlichen Gemeinde, waren diejenigen, die sich Christus angeschlossen hatten, tatsächlich eher so etwas wie eine Wohnzimmerbewegnung. Man traf sich in den Häusern, lud sich nach Hause ein. Brauchte Menschen, die ihre Häuser öffnen, um dort so zu leben, wie es in der Apostelgeschichte des Lukas heißt:

 

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften ihre Güter und ihre Habe und teilten sie aus unter denen, die es nötig hatten.

 

So war das: das Wohnzimmer war die Kirche und die Kirche das Wohnzimmer.

 

Die Apostelgeschichte des Lukas erzählt, wie die Geschichte weitergeht. Es werden mehr. Die Gemeinde wächst. Die Anhängerschaft nimmt zu. Und es sind nicht mehr alleine Juden, die sich der christlichen Gemeinde anschließen, es sind auch Heiden, die dazu kommen. Weil sie angezogen werden von diesen ersten Gemeinden, wie sie leben, wie sie teilen, wie sie das Brot brechen und zu ihrem Gott beten.

 

Sie wollen auch dazu gehören. Die anderen. Die Neuen. Die Zugezogenen. Die von außen.

 

Man darf das wohl so sagen: die Apostel wurden von der Mission überrascht. Manchmal sogar überfordert. Dass Gott ihnen das zutraut, auch zum<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>t: auch die anderen einzuladen, mitmachen zu lassen, auch die, die nicht so genau wissen, wie das alles geht, die sich noch gar nicht auskennen in der Tradition, die die Regeln nicht beherrschen und vielleicht auch gerne mal in das eine oder andere sakrale Fettnäpfchen treten…

 

Was tun? Wenn es mehr werden? Wenn die anderen auch wollen? Wenn man die, die der Geist Gottes ruft, so leicht nicht mehr los wird. Wenn die Wohnzimmer zu eng werden – auch geistig und geistlich? Wenn es um neue Räume geht? Wenn die Gemütlichkeit gefährdet ist und da plötzlich andere sind, die sagen: Auch will? Wir gehören auch dazu?

 

Davon erzählt der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte im 6. Kapitel:

 

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

 

Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.

 

Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>n Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

 

Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

 

Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.

 

Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.

 

Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Zahl der Jüngerinnen und Jünger nimmt zu. Die Kirche wächst. Es werden mehr. Mit den  Menschen wachsen die Aufgaben. Was tun? Wie sich einstellen auf neue Zeiten? He<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> betonen wir ja gerne, wie schwierig es sei, wenn die Gemeinden kleiner werden… Von den ersten christlichen Gemeinden können wir lernen, dass erst recht die umgekehrte Bewegung „Es werden mehr“ – vorsichtig gesagt – eine Herausforderung darstellt.

 

Ein Murren breitet sich aus. Typisch. Konflikte in Kirchengemeinden brechen in der Regel nicht explosionsartig aus, sondern murren sich so langsam ins allgemeine Bewusstsein und nörgeln sich allmählich ins Empfinden aller Betroffenen und Beteiligten. Es geht um die Frage: wer macht was? Um das Gefühl: irgendwie nicht mehr so wirklich hinterher zu kommen. Dem eigenen Auftrag nicht mehr gerecht zu werden. Nochmal ganz neu übers Menschenfischen für die g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> Sacvhe nachzudenken. Und dann auch Strukturen zu schaffen, in denen Gottesdienst und Menschendienst gelingen können.

 

Griechische Juden gegen Hebräische. Das waren Welten. Ich sag nur: Kiedricher und Eltviller, Zugezogene und Alteingessene, Neubürger und solche, die schon immer da waren, Junge und Alte, Fromme oder ganz Liberale, solche, die auf Liturgie stehen oder es viel moderner wollen, diejenigen, die die Innerlichkeit des Glaubens betonen und die, die sagen: Le<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>, es geht auch ums Politische. Und mittendrin auch noch die Konfis, die irgendwie wollen und müssen und sich bestimmt auch oft denken: Ok, so ist also Kirche…

 

Die griechischen Juden sagen zurecht: ihr überseht unsere Witwen. Ein sozialer Konflikt. Für die jüdischen Witwen ist gesorgt. Und das ist wunderbar. Eine tolle soziale Errungeschaft des Glaubens. Aber was ist mit den anderen? Übersehen.

 

Das ist bis he<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> so. Eigentlich sind wir als Christinnen und Christen doch für alle da, besonders für die, die in Not sind, die vergessen werden, um die sich niemand kümmert. Für die Alten und Kranken, für Menschen auf der Flucht, für die Kleinsten und Schwächsten. Am Mittwoch war ich auf dem Jahresempfang des Diakonischen Werkes in Hessen –  ich wurde immer kleiner im Bewusstsein darüber, wen wir alles vergessen und übersehen. Auch hier. In unserer Gemeinde. Im schönen Rheingau.

 

Und ich krieg das auch oft genug gespiegelt: die Frau X braucht dringend einen Besuch, dem Herrn y geht es schlecht. Manchmal ist übersehen auch sowas wie eine Überlebensstrategie. Wohlstandsarmut, Streit in Familien, Gewalt hinter verschlossenen Türen, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die in den Rheingau-Taunus-Kreis geschwemmt werden und man eigentlich auch nicht so recht weiß, wie das jetzt auch noch gehen soll.

 

Die zwölf Apostel machen etwas Kluges: sie sagen: Wort und Tat, Gottes- und Menschendienst gehören untrennbar zusammen. Aber: um der Menschen und um Gottes willen muss es erlaubt sein, über Aufgaben und Zuständigkeiten auch zu streiten und neue Aufgaben zu verteilen. Menschen zu gewinnen, die das machen und wollen und können und gerne tun.

 

Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern, in eurer Mitte, die einen g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>n Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind. die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

 

Kirche ist Dienstgemeinschaft. Da hören wir es zum ersten Mal. Es gibt verschiedene Dienste, und es muss auch verschiedene Dienste geben. Keiner kann alles alleine. Mitarbeitergewinnung ist wichtig. Und: da nehmen die Apostel jetzt auch nicht einfach jeden und jede, die meinen: „Ich würd mich gern mal bisschen engagieren“, sondern, sie schauen genau hin. 

 

Damals waren es die Almosenpfleger, die Diakone, die in de Dienst genommen wurden. Andere Dienste folgten. Und alle haben ihre Aufgabe auch als Dienst verstanden. Als Dienst an Gott und als Dienst am Nächsten. Der eine so, die andere so.

 

Die sieben Männer, die damals gewählt wurden, sind voll des Glaubens und des Heiligen Geistes. Das würde ich he<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> so übersetzen: sie machen das aus Überzeugung, sie ziehen ihre Kraft aus dem Glauben, sie sind Zeuginnen und Zeugen für andere. Und noch etwas erzählt die Geschichte: die da eine Aufgabe bekommen, die haben alle einen g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>n Namen und ihre Namen sprechen Bände. Wie ganz oft in der Bibel. Stephan, Philipp, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus. Namen sind manchmal blöd, manchmal passend, aber niemals harmlos. Es sind alles Namen von Menschen, die in die erste, die vorderste Reihe gehören: Stephan ist der, der sich einen Kranz verdient hat, Philipp liebt Pferde, Prochorus ist der Anführer des Tanzes, Nikanor ist zu deutsch der Sieger, Timon der Angesehene, der aller Ehren Werte, Parmenas nennt sich einer, der Durchhaltevermögen hat, der bleibt, wo andere untergehen und Nikolaus ist einer aus einem siegreichen Volk. Die werden Armenpfleger und kommen in die erste Reihe, wenn es ums Dienen geht.

 

Auch unsere Küster haben g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> Namen: Karl Hardt – diesen Namen kennen in Kiedrich viele. Und das ist auch gut so. Karl Hardt, das steht nicht nur für Sonntagsdienst, sondern auch für Dienst im Alltag, für soziales Engagement, für Mitarbeit in der Politik, im Seniorenbeirat. In der Gesellschaft. Weil wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen, die in der Welt stehen und da voll Glaubens und Geistes sind.

 

Und der Name Pia Fischer ist ja eigentlich erst recht nicht zu toppen. Pia, die Fromme, die Plichtbewusste. Und dann auch noch Fischer – wie es die ersten waren. Fischer. Die eben auch Menschen gewinnen können. Auf ihre Art. Es ist wichtig, dass man ihre Namen kennt und weiß, wofür sie da sind. Weil eben auch bei Kirchens die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Aushängeschild der Gemeinde sind und für Glaubwürdigkeit und Überzeugung stehen.

 

Zu einer verantwortungsvollen Art und Weise mit Aufgaben umzugehen, gehört es auch: anzufangen und aufzuhören. Seinen Platz frei zu machen und den Dienst im Vertrauen in die, die nachkommen, weiter zu geben. Karl – das heißt übersetzt: der Freie. Der freie Mann, der sagt: jetzt ist es genug. Ich bin so frei. Und entscheide in Freiheit. Und lass eine andere ran. Die das auch gut macht. Sehr gut. Auf ihre Art.

 

 

 

In unserer Geschichte wird für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebetet. Das gehört sich so. Das ist toll und das sollten wir als christliche Gemeinde unter gar keinen Umständen aufgeben, sondern im Gegenteil: ausbauen. Nicht einfach loswurschteln und loslegen und machen und tun, sondern erstmal innehalten, um Kraft bitten, um Einsicht, um ein g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname>s Miteinander. Darum, dass jeder und jede seinen und ihren Dienst auch gut erfüllen kann. Von dem her und auf den hin wir das hier alles machen.

 

In unseren Gotteshäusern, die offen sind für die Menschen. Und in unseren Menschenhäusern, die offen sein wollen für Gott.

 

Am Anfang war das Christentum eine Wohnzimmerbewegung. Man traf sich in den Häusern und Wohnungen. Es wurden immer mehr. Neue kamen dazu. Fremde zunächst. Zugezogene, auf der Suche nach Heimat. Ist es nicht etwas besonderes, dass es gerade die Küsterinnen und Küster sind, in unserer Gemeinde und in ganz vielen Gemeinden, die genau für diese Erfahrungswelt stehen? Zugezogene zu sein? Wie Anna Hardt als sie als ganz junge Flüchtlingsfrau hierher in den Rheingau kam? Wie Sie Herr Hardt als Neubürger aus Wiesbaden, immerhin einer aus der Stadt? Wie Sie, liebe Frau Fischer, die aus dem Erzgebirge kommt? Und auch Schullers und Weidners? Menschen, die sagen und zeigen: meine Kirche ist mir Heimat. Meine Kirche hat mir die Türen geöffnet. In meiner Kirche bin ich zuhause. Und deshalb arbeite ich mit, dass diese Kirche auch anderen zum Zuhause wird. Zu einer Heimat.

 

Wo es gastlich zugeht: der Tisch gedeckt ist, die Blumen bereit, die Lieder angesteckt und die Kerzen auch und die Türen offen, wenn die Glocken rufen.

 

Das wollen wir nicht übersehen. Sondern dafür danken. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

 

Lied: 329, Bis hierher hat mich Gott gebracht

 

 

 

Lieber Herr Hardt, liebe Frau Fischer,

 

 

 

„und sie beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

 

Das tun wir als christliche Gemeinde, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Dienst beginnen und wenn sie aus ihrem Dienst entlassen werden.

 

Ich bitte Sie beide hier nach vorne zu kommen.

 

Wir wollen für Sie beten:

 

 

 

Lebendiger Gott,

 

durch die heilige Taufe sind wir alle Glieder eines Leibes und Geschwister deines Sohnes Jesus Christus. Uns allen ist der Heilige Geist geschenkt, der uns zu Zeugen deines Sohnes macht und uns in der Gemeinschaft der Glaubenden ruft.

 

Du hast deiner Gemeinde verschiedene Gaben geschenkt. Und rufst Menschen immer wieder neu in deinen Dienst. He<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> danken wir dir für den Dienst von Karl Hardt als Küster in diesem schönen Gotteshaus in Kiedrich. Wir danken dir, dass er in Liebe und Hingabe für dieses Haus gesorgt hat. Wir bitten dich: segne und behüte DU Karl Hardt auf seinem weiteren Lebensweg. Schenke ihm Gesundheit und Freiheit, g<st1:personname w:st="on">ute</st1:personname> Gedanken und Freude jeden Tag. Lass es ihm gut gehen und lass ihn immer gerne in diesem Haus Gottesdienst feiern, mit anderen zusammen.

 

Wir sind froh und dankbar, dass Pia Fischer sich für den Küsterdienst in Kiedrich hat gewinnen lassen. Dass sie Freude und Lust hat, diesen Dienst zu übernehmen. Erhalte Du ihr diese Freude und auch ihre Gelassenheit – ihre Treue und ihren Einsatz. Segne sie und ihre Familie, ihren Mann und ihre Kinder, dass dieses Haus für sie alle ein Haus wird, in dem sie gerne sind. Und fördere du unter uns allen einen geschwisterlichen Geist, dass wir offen sind und ehrlich, und bezeiten klären, was uns Sorgen und Kummer macht. Halte deine Gemeinde zusammen und lass immer wieder Menschen mit machen. Dir zum  Lobe und den Menschen zur Freude.

 

Amen.

 

Karl Hardt:

 

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

 

Pia Fischer:

 

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit.“

 

 

 

EG 631 In Gottes Namen woll´n wir finden, was verloren ist…