Predigt über die Psalmen als Einführung zur Bibelwoche
von Pfarrer Dr. Frank Löwe, gehalten am 22.01.2012
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
nichts hat die Menschen in dieser Woche mehr bewegt als das Schiffsunglück vor der italienischen Küste. Unzählige Male wurde das auf der Seite liegende Wrack im Fernsehen gezeigt, im Internet, in den Zeitungen. Überlebende werden in Talkshows eingeladen, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen, ihre Erleb-nisse von Schock, Panik, Unsicherheit und am Ende doch glücklicher Rettung. Al-len merkt man an, wie ergriffen sie sind, wenn sie erzählen. Manche brechen in Tränen aus. Und wir nehmen betroffen Anteil an ihrem Schicksal, das unter die Haut geht. Es geht unter die Haut, weil wir uns unweigerlich vorstellen, wie es uns selbst ergehen würde in einer solchen Situation. In den Bildern und Erzählungen erleben wir die Tragödie noch mal nach: Den Ruck, der das Geschirr des Abendes-sens von den Tischen zu Boden reißt, die folgende Dunkelheit, dann die Unsicher-heit, was los ist. Wir spüren förmlich das Gedränge vor den Rettungsbooten, den Kampf noch eines zu erwischen. Und vielleicht stellen wir uns auch das andere vor, wenn wir nicht eines der sicheren Boote erreicht hätten. Fühlen mit den 20 mit, die noch vermisst werden und die wahrscheinlich irgendwo im Schiffsinneren eingeschlossen sind und es vermutlich nicht geschafft haben. Was mögen sie erlebt haben in ihren letzten Stunden?
Was würde ich tun in einer solchen extremen Notsituationen? In Todesangst.
Der Notfallseelsorger Andreas Mann sagt aus seiner reichen Erfahrung im Umgang mit tragischen Ereignissen heraus: „Beten hilft und ist dort wichtig, wo Menschen wenig Einfluss auf eine Situation haben. Sie brauchen eine Adresse für ihre Wün-sche und Hoffnungen.“
Menschen in Problemlagen beten. Einige der Geretteten von der Costa Concordia haben davon gesprochen. Und was betet man, wenn nichts anderes mehr geht? Vielleicht ein kurzes Stoßgebet. - Oder einen Psalm. Die Psalmen sind immer rich-tig. Sie sprechen von Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Von dem, was Menschen existentiell bewegt. Ganz viele auch von Bedrängnis und Not und erfahrener Rettung, vom Beten und dem Erfahren von Hilfe.
Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Das sind die Psalmen.
Sie tragen die Nummern 1 bis 150. Aber keiner wird mehr gebetet als der 23. Den kann wirklich jeder. Wir alle haben ihn auswendig gelernt. Ihr Konfis werdet ihn noch lernen. Für uns Evangelische ist er geradezu zum Bild des Gottvertrauens geworden:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
In der Übertragung von Arnold Stadler klingt Psalm 23 so:
Er ist mein Hirt.
Und mir fehlt nichts.
Er gibt mir Licht und Leben.
Es ist wie am Wasser.
Er stillt meinen Durst.
Er sagt mir, wie’s weitergeht.
Er ist der Gott, auf den ich hoffte.
Auch dann, wenn ich durch eine Nacht muss (meine Nacht),
gerade dann habe ich keine Angst.
Vor nichts.
Denn es ist einer bei mir: und das bist du.
Du gehst mir voraus.
Das ist meine Hoffnung.
Du deckst mir den Tisch.
Meine Feinde sehen es und können nichts machen.
Du machst mich schön. Es ist ein Fest!
Und so wird es weitergehen,
solange ich am Leben bin und sein darf,
bei IHM.
(„Die Menschen lügen. Alle“ und andere Psalmen, Düsseldorf 1999, S. 29)
Ein großes Vertrauen spricht aus den Psalmen.
Oft schildern sie das Elend, klagen das Unrecht und beginnen zu zweifeln. Sie dis-kutieren, sie streiten mit Gott, sie rechnen ab mit dem Höchsten, und am Ende münden sie in kindliches Vertrauen.
Originalton Psalm 131:
„…meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mut-ter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir …“
Ernesto Cardenal, der nicaraguanische Priester und Revolutionär, übersetzt ihn so:
„Ich besitze weder Vermögen noch Scheckheft,
doch auch ohne Lebensversicherung
bin ich sicher
wie ein schlafendes Kind in den Armen seiner Mutter …“
Wie unsicher, ja fast hoffnungslos ist demgegenüber der Mensch, der ohne Glau-ben, ohne dieses Vertrauen in Gott ist.
Die Psalmen der Bibel - hebräisch „tehelim“ - sind das Gesangbuch Israels. Darum auch das Motto der Bibelwoche: „Meine Seele singe zu Gott.“
150 Lieder. Sonntag für Sonntag zu singen im Gottesdienst. Und nicht nur da.
Sie begleiten das Leben: Geburt und Heirat, Freude und Trauer, Streit, Zweifel und Trost. Es gibt kein „dichteres“ Buch in der Weltliteratur als die Psalmen. So dicht bei Gott, dass es einem den Atem raubt. Und so nah beim Menschen, dass es einem die Sprache verschlägt. Und so verzweifelt gläubig, dass kein Blatt Papier zwi-schen Gott und Mensch passt, es sei denn beschrieben mit einem solchen Lied.
Martin Luther hat sie übersetzt. Er hat ihnen neue Melodien gegeben. Auch wenn jüdische Psalmen sich kaum auf deutsche Melodien reimen.
Das waren unsere ersten Gesangbücher.
Luther nennt den Psalter „eine kurze Bibel (...), auf dass, wer die ganze Bibel nicht lesen könnte, hätte hierin doch fast die ganze Summa, verfasst in ein kleines Büch-lein“; für Luther ist der Psalter gleichsam Evangelium, weil er „so deutlich Christi Sterben und Auferstehen verheißet“ (Vorrede auf den Psalter, 1528).
Die evangelischen Druckereien haben dann auch meist „Das Neue Testament und die Psalmen“ in einem Band herausgegeben.
Und da kann man gerade auch bei den weniger bekannten Psalmen tolle Entde-ckungen machen. Da findet man fast für jede Lebenssituation etwas Passendes. Worte, die einem aus der Seele sprechen und die einem Kraft geben.
Ich bin, als ich die Psalmen für diese Predigt durchgeblättert habe, auf den folgen-den Psalm gestoßen, den auch ein Überlebender der Costa Concordia beten könnte. Er trägt die Nummer 116. Ich lese ihn mal ganz klassisch aus der Lutherbibel:
1 Ich liebe den HERRN, denn er hört die Stimme meines Flehens.
2 Er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
3 Stricke des Todes hatten mich umfangen, / des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not.
4 Aber ich rief an den Namen des HERRN: Ach, HERR, errette mich!
5 Der HERR ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.
6 Der HERR behütet die Unmündigen; wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
7 Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.
8 Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, mei-nen Fuß vom Gleiten.
9 Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen.
Ist das nicht Wahnsinn? Dieses Klagelied hat jemand mal vor deutlich über 2000 Jahren geschrieben. Einer, dem es ,al ganz übel ging. Der in großer Not und Sorge war. Und der darin keinen anderen Ausweg gesehen hat, als zu Gott zu rufen. Und der dann eine wunderbare Rettung erfahren hat. Und nun voll Dankbarkeit, dass er am Leben ist, dass er noch im Lande der Lebendigen sein darf, dieses singbare Gebet geschrieben hat. Und dieses Lied passt seitdem immer wieder und wieder. Seit 2000 Jahren drückt es immer wieder genau das aus, was Menschen erleben und wie sie in bestimmten Situation fühlen. Ich kenne kein Buch der Welt, das so zeit-los ist wie die Psalmen.
Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Das sind die Psalmen. Und es sind Psalmverse, die einem immer wieder einfallen. Gestern z.B., als wir mit den Konfis im Museum Wiesbaden waren. Wie saßen lange Zeit vor einem Bild und haben es betrachtet: Ein düsteres Bild, 5 Ochsen in einem engen Stall, im Hinter-grund brennt etwas, die Tiere eingepfercht und gefangen. 1933 gemalt von Max Beckmann. Es scheint, als ob der Maler bereits den Flächenbrand bereits sieht, den die Nazis anrichten werden. Eine Konfirmandin sagte: Ein Ochse sieht aus, als ob er betet. Der einzige, der etwas heller gemalt ist. Da kommt ein Hauch von Licht in die beklemmende Situation. Und unser Begleiter im Museum spricht dazu ein Wort aus den Psalmen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Da ist es wieder, dieses für die Psalmen typische Vertrauen. Sie bauen auf Gottes Weite gerade angesichts mancher Enge in dieser Welt. Sie bauen auf Gottes Ret-tung selbst in tiefster Not. „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ heißt ein bekanntes Psalmlied aus dem Gesangbuch.
Die Psalmen haben etwas Befreiendes. Sie weiten unseren Blick über die augen-blickliche Situation hinaus. Und das meist mit einer bildreichen Sprache, die jeder versteht und die jede in der Tiefe berührt.
Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Das sind die Psalmen.
Darum sind sie auch so beliebt als Lebensworte: Denn der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Psalm 91,11 Es gibt kein beliebteres Wort zur Taufe. Und ge-nauso gibt es klassische Psalmworte zur Konfirmation, zur Trauung, zur Beerdi-gung.
Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Das sind die Psalmen.
Betroffen reagieren die Menschen auf Todesnachrichten.
Betroffen reagieren die Menschen auf das, was das Leben für sie bereithält. Menschliche Krisen, Unfälle wie jetzt vor Giglio, Katastrophen, tragische Todes-fälle – aber eben auch die tiefe Erfahrung von Glück in der Liebe, von Rettung aus Krankheit und Not, von Geburt und Neubeginn.
Es verspricht eine Bibelwoche zu werden, so spannend und so vielfältig wie das Leben selbst. Denn:
Leben und Tod, Jubel und Sorge, Klage und Tanz. Das sind die Psalmen. Amen.
Und der Friede Gottes….