Predigt im Abschiedsgottesdienst am Diakoniesonntag (17.09.2017) über Markus 1, 42-47

von Pfarrerin Clarissa Graz 

in der Johanneskirche zu Erbach


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Es ist wunderbar, mit Haut und Haaren dabei zu sein. Mit Haut und Haaren bei der Sache, mit Haut und Haaren beim Menschen, mit Haut und Haaren selber Mensch. Mittendrin. Mit Haut und Haaren dabei: bei der freiwilligen Feuerwehr, als Altenpfleger, Kinderärztin, Oma, Tüftler, Anwältin, Pfarrer, Winzerin, Patenonkle, Krankengymnast, Chorleiter, Teamerin, Hausaufgabenhelfer, Zahlenkenner, Baumeister, Papa, Ortsvorsteherin, Fußballtrainer, Sängerin, Wackelzahnkind, Ersti. Mit Haut und Haaren, das heißt doch: als ganzer Mensch. Leidenschaftlich, erfasst, berührt. Bei sich selber, beim anderen. Und ja – genauso: bei Gott.

Menschen, die mit Haut und Haaren dabei sind, findet Gott gut. Er will das so. Er freut sich daran. Er findet das so gut, dass er das sogar selber für sich entschieden hat. Gott wird Mensch. Mit Haut und Haaren. In Jesus, der uns der Christus ist. Wahrer Mensch - und was für einer: Krippenkind, obdachsuchend, bleibelos, schwer erziehbar, Maria Geheimnis, dem Josef erst recht, Zöllnerfreund, Witwentröster, Weinkenner, Prediger, Heiler, berührbar. Vom anderen berührt. Der Gott, der uns in Jesus Christus nahe kommt, ist berührter Berührer, mehr noch: der, die die Unberührten berührt. Sogar die Unberührbaren. Mit Haut und Haaren.

Von diesem Jesus hören wir im Predigttext für den heutigen Sonntag. Ihm begegnet einer, der sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlt. Der alleine nicht raus kann aus seiner Haut. Keiner kann das alleine. Markus erzählt uns von ihm.

 

Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.


Liebe Gemeinde,

da kommt einer aus der Deckung. Statt sich die Decke übern Kopf zu ziehen und sich zu verstecken, zeigt er sich. Er hält es einfach nicht mehr aus, sein Schicksal auszusitzen, sondern zeigt sich in seinem Sosein. Mit seiner wehen Haut. Mit seinem wunden Körper, mit seinem Im-Leben- vom-Tod-Gezeichnet-Sein. Streckt sich entgegen, dem, der da kommt: Ich strecke mich nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit… Seine ganze Sehnsucht nach Berührung, seine ganze Zartheit und Verletztet hält er diesem Jesus entgegen. Keiner fasst ihn an, alle haben Angst vor ihm – als wäre er ansteckend. Aber Aussatz ist gar nicht ansteckend. Ansteckend ist die Angst. Das Unbehagen, die Unsicherheit, dieses Störgefühl, die Ohnmacht. Wer will das den anderen verdenken. Sie schützen sich. „Vermeiden Sie Haut – und Augenkontakt“, so steht es auf gefährlichen Stoffen. Und die Begegnung mit einem echten Menschen mit Haut und Haaren ist gefährlicher Stoff.

Touch, das Wort für Berühren, kommt bei uns aller meistens nur noch in Verbindung mit Screen vor. Jemand hat ausgerechnet, wie viele hunderte Male Eltern heute mehr übers Touchscreen streichen als über die Wange ihres Kindes. Und bei den Kindern ist das auch so: ohne Touch kann doch keiner leben. Ich brauch doch ein Touch, um mir mit einmal Drüberstreifen die ganze Welt in mein Zimmer zu holen. Ich muss gar nicht mehr raus. Und mit einem Touch kann ich sie auch wieder ausmachen. Wenn der Stoff mir zu gefährlich wird. Nochmal: die Berührung eines echten Menschen ist gefährlicher Stoff. Weil ich damit in Beziehung gehe. Und auch selber berührt werde. Verändert: an Haut und Haaren.

In unserer Geschichte geht es um in echt. Der zum Aussitzen ausgesetzte Aussätzige bleibt nicht sitzen, er fasst seinen Mut zusammen. Er steht auf. Er geht zu Jesus hin. Er fällt auf die Knie, macht den Mund auf und spricht: „Wenn du willst, so kannst du mich reinigen“. „Wenn du willst“ – dieser Satz hat Stil. Zeigt Fingerspitzengefühl. Berührung lebt von Gegenseitigkeit. Ist nicht erzwingbar. Es geht nicht um den Touchi-Jesus, der in die Massen tatscht und wahl- und willenlos mit allen und jedem auf Tuchfühlung geht, auch wenn manche ihn gerne so hätten. Bis heute: den Kuscheljesus, den Kuschelgott, die Kuschelgemeinde, Credo-Wellness für das gute Gefühl, unverändert angenommen zu sein und aus der Nummer spurenlos raus zu kommen. Du bist ok, ich bin ok, Gott hat uns lieb…. Alles schön gemütlich hier. Nein, diese Berührung ist mit Risiken verbunden und mit Nebenwirkungen. Für beide. Der eine riskiert Abweisung – der andere überwindet sich. Da willigen zwei ein: ja, mit Gottes Hilfe. Spüren in der Berührung Veränderung. Werden in der Berührung einander zum Du und zum Ich.

Sensibel und feinfühlig geht es zu zwischen diesen beiden. Nichts Übergriffiges, nichts Ungewolltes geschieht da. Zwei sind sich einig. Haut an Haut geht so. Geht nur so. Berührung beruht auf Gegenseitigkeit. Hat einen Anfang und ein Ende. Hat mit Anfassen und Loslassen zu tun. Mit Durchlässigkeit und Begrenzung und damit, die Begrenzung danach nochmal neu zu spüren und aufzuleben. Verändert, lebendig und neu. Danke Du, du hast mir zu meinem Ich verholfen. Du hast mir geholfen, wieder Mensch zu sein. Mensch: mit Haut und Haaren. Das will Gott. Gott freut sich daran. Er will das so sehr, dass er das für sich und seine Menschenkinder selber gewollt hat. Er sitzt seine Schöpfung nicht aus. Sondern bleibt dran an ihr, an dir, an mir. In all unserem Seufzen und Ächzen und Schrumpeln und Grauwerden.

Uns wird diese Geschichte heute am Diakoniesonntag erzählt, wo es darum geht, dass Glauben und Liebe zusammen gehören und Wort und Tat. Warum? Ich glaube, weil sie uns anstecken will. Der Berührung zu trauen, sich selber zu trauen, sich zu zeigen und sich in der eigenen Sehnsucht nach Berührung nicht zu verstecken. Osmotisch zu werden für die Freude und den Schmerz des anderen, durchlässig für Gottes Berührungen in unserem Leben. Selber ansteckend zu sein. Wie es heißt: habt ihr nicht gespürt, dass Glauben eine ansteckende Gesundheit ist. Eben nicht die Krankheit zum Tode, die die Menschen klein macht und ängstlich und angepasst und unauffällig, sondern Gesundheit zum Leben und im Sterben. In den wirklich berührenden Momenten unseres Lebens, da haben wir das doch gespürt, oder nicht? Und auch Lust bekommen und Kraft und Mut, selber ansteckend zu wirken, wenn es darum geht, Menschen aus der Deckung zu locken. Ihnen zum wahren Menschsein zu helfen.

Unsere Geschichte hat etwas beiläufiges, by the way, möchte ich fast sagen kommt es zu der Berührung. Und es geht gar nicht kuschelig weiter. Kaum lassen sie beiden sich los, wird der Mann bedroht. „Erzähl jetzt blos nicht allen alles rum!“ Zeige dich dem Priester und opfere, was Mose geboten hat. Jesus Christus hat eben keine neue Religion bringen wollen, sondern neues, wahres, heiles Leben. Schweigegebot, nennt Markus das. „Tu Gutes und rede darüber!“ – das scheint hier Jesu Sache nicht zu sein. Schade eigentlich. Andererseits: der Geheilte macht es ja trotzdem. Bleibt auch da ein freier Mann. Oder anders: ist es geworden. Erzählt aus freien Stücken, was und wer ihm da unter die Haut gegangen ist. Das kann kein Jesus nicht bremsen.

Ich glaube, Jesus will uns was anderes sagen: Wenn der Glaube eine ansteckende Gesundheit ist, dann sollten wir nicht alles verquatschen und zerreden. Öffentlicher Glaube achtet das Intime. Öffentlicher Glaube führt keinen vor. Sonst heißt es ganz schnell: auch will auch will. Jesus schützt sein DU, muss es schützen. Und zeigt: ich gehöre Gott und keinem anderen. So, wie du auch. Bei mir gibt`s nicht – wie bei dm - die 27 Meter Pflegepalette mit Produkten für jeden Hauttyp. Berührung ist nämlich überhaupt kein Produkt. Sondern Ereignis. Geschehen. Geschenk. Alles andere ist übergriffig und es zeugt von feinen Sinnen, wenn jemand dann auch angefasst reagiert. So wie in unserer Geschichte: Das massenhafte auch will, auch will am Ende der Geschichte hat mit Berührung nichts mehr zu tun. Die ging nämlich anders los: wenn du willst, dann…. Wenn du es willst, dann kannst du berühren. Das liegt in deiner Hand. Was dann geschieht in der Hand dessen, der uns als Menschen gemacht und gewollt hat. Mit Runzeln und Falten, mit den Speckbeinchen eines Einjährigen, mit Kurven und Kanten, zart wie Babyhaut am Anfang und dünn wie Pergament am Ende, mit Pickeln und mit ohne. Durchlässig, empfindsam, taktil. Der taktile Sinn ist der erste und der letzte. Im Berührt-Werden an der Haut entwickelt der Säugling eine Vorstellung vom Ich. Und der Tastsinn bleibt bis ins hohe Alter erhalten. „Ich hab ihr noch die Hand gehalten“, so sagen manche vom letzten Liebesdienst. „Ich hab ihn los gelassen. Er konnte in Frieden gehen.“ Wie schön. Mit Haut und Haaren.

Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Und wenn man dem Glauben Glauben schenken will, geht`s da ja auch recht lebendig zu. Also: worauf wollen wir warten? Lasst uns heute anfangen. Mit Worten berühren und Taten sprechen lassen. Als Menschen mit Haut und Haaren. Wo Gott uns will und braucht. Amen!