Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. (Johannes 14,1)

Gedanken zur Jahreslosung 2010 von Margot Käßmann

Ein Wort hat Konjunktur – auch zum Jahreswechsel von 2009 in 2010: Krise. Finanzmarktkrise, Medienkrise, Wirtschaftskrise, Sinnkrise, Wertekrise, Institutionenkrise, Politikkrise, Rentenkrise – Begriffe, die sich in jeder Ausgabe einer Tageszeitung finden und die bei den großen Wochenmagazinen gern mal auf dem Titel stehen: „Warum nach der Jahrhundertkrise schon die nächste droht“ titelte das Wochenmagazin „Der Spiegel“ im November des zu Ende gegangenen Jahres.

Dabei werden nur die Krisen genannt, die öffentlich wahrzunehmen sind. Doch nicht nur der überraschende Tod des Nationaltorhüters Robert Enke im Herbst 2009 hat noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass die persönlichen Krisen häufig noch bedrängender, noch gefährlicher, noch stärker das Leben zerstören können. Krisen in der Kindererziehung, Krisen in der Partnerschaft, Krisen im Berufsleben, Krisen der Gesundheit und Krisen beim Abschied von Menschen, die einem ein Leben oder eine Liebe lang ans Herz gewachsen sind, Krisen, die bis zu dem Punkt führen können, dass ein Mensch sich absolut allein fühlt, dass ein Mensch keinen Weg zum Leben mehr fühlt, dass ein Mensch dem Leben keine Chance mehr geben kann.

Und mitten in unsere alltägliche Krisenerfahrung klingt die Jahreslosung 2010: „Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Es gehört zur Erfahrung vieler Menschen, dass das Leben sich von einer Krise zu nächsten schleppen. Es bleibt das Gefühl zurück, solche Krisen seien negativ und lebensbedrohlich. Das entspricht zumindest nicht der Bedeutung des Wortes. Das Negative und Lebensbedrohliche ist ein Aspekt, aber nicht der ausschließliche: Krise heißt im griechischen Wortsinn zuerst einmal: Zuspitzung, Entscheidung. In der Krise steckt immer auch die Möglichkeit, den anderen Weg einzuschlagen, eben den Weg, der nicht in die Katastrophe führt.

Eine Einladung für diesen anderen Weg spricht die Jahreslosung 2010. Jesus spricht zum Abschied zu seinen Jüngern. Er weiß, dass die schwerstmögliche Krise auf seine Freunde zukommt: Die Krise des scheinbar letztendlichen Abschieds, die Krise des Todes. In dem Moment sollen die Herzen der Jünger nicht erschrecken, sondern sich im Glauben getragen wissen. Jesus spricht in die eine Situation des Abschieds und lässt uns Raum, dies auf unsere Krisensituationen anzuwenden. In den Moment in denen unser Herz erschrickt, dürfen wir uns im Glauben getragen wissen: welch unglaublicher Trost, welch lebensspendende Zuversicht!

Jesus sagt uns für das Jahr 2010 zu, das in Momenten, in denen unser Herz erschrecken könnte, keiner von uns allein sei. Er schenkt uns die Gewissheit, die der Psalmbeter schon Jahrhunderte zuvor ausgedrückt hat: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.“ Im Gebet, im vertraulichen Gespräch mit Gott können wir uns auch in dem noch jungen Jahr gewiss sein, dass er auch in schweren Krisensituationen bei uns ist und seine schützende Hand über uns und – in solchen Momenten noch wichtiger – unter uns hält. Getröstet von der Einsicht Dietrich Bonhoeffers – „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“ – werden wir davor bewahrt, aus der Nähe Gottes eine sofortige positive Auflösung unserer Krise zu erwarten.

Eine Krise führt in den meisten Fällen in die Einsamkeit und ins Alleinsein. Die Jahreslosung 2010 gibt uns die Gewissheit, dass keine und keiner auch in der größten Krise wirklich allein und auf sich selbst gestellt ist. Deshalb kann das Lied anklingen, das ich auch beim Abschied von Robert Enke zitiert habe:

Wenn du durch einen Sturm gehst
Geh erhobenen Hauptes
Und habe keine Angst vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms
Gibt es einen goldenen Himmel
Und das süße, silberhelle Lied einer Lerche
Geh weiter, durch den Wind
Geh weiter, durch den Regen
Auch wenn sich alle Deine Träume in Luft auflösen
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen
Du wirst niemals alleine gehen
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen
Du wirst niemals alleine gehen

Ja, „You´ll never walk alone...“ – das heißt für mich: wir gehen durch diese Zeit und auch über unseren Tod hinaus mit Gott an unserer Seite. In diesem Sinne allen ein gesegnetes Jahr 2010.

(Quelle: www.ekd.de)

Sonntag, 30. April 2017:
Der HERR dachte an uns, als wir unterdrückt waren, denn seine Güte währet ewiglich.
Psalm 136,23